Der Vortrag von Professor Dr. Stephan Gielen aus Leipzig bildete am Samstag im Amphitheater des „Centre hospitalier“ den Höhepunkt der fünften „Journée du sportif cardiaque“ der Luxemburger Herzsportgruppen.
Rund 250 Zuhörer lauschten gespannt den Ausführungen des deutschen Wissenschaftlers und Kardiologen in Form eines mit statistischem Material untermauerten Plädoyers für den gezielten Einsatz des Medikaments Sport bei der Therapie von Herz-Kreislauf-Krankheiten sowie für sportliche Aktivität als die bei weitem beste und kostengünstigste Form der Prävention.
Bedauern konnte man, dass zu dem Zeitpunkt, wo der renommierte Kardiologe das Wort ergriff, um 11 Uhr, der Gesundheitsminister Mars Di Bartolomeo, der um 9 Uhr die Teilnehmer an der Tagung begrüßt hatte, nicht mehr im Saal war, ebensowenig wie übrigens sein Kollege Außenminister Jean Asselborn, der seine samstägliche Radtour kurz unterbrochen hatte. Prof. Gielen rechnete – für Deutschland – die Kostenentwicklung für die nächsten 20 Jahre bei der Behandlung der Herz-Kreislauf-Krankheiten vor, die aktuell bei jährlichen 26 Milliarden Euro lägen und bis 2030 voraussichtlich um 30 bis 50 Prozent ansteigen würden. Bedingt sei diese Tendenz vor allem durch die allgemeine höhere Lebenserwartung wie auch durch bessere und ergo kostspieligere Behandlungsmethoden. Proportional zur Einwohnerzahl in geringerem Maße, aber wohl einem identischen Trend folgend, kommt also auch auf das Luxemburger Gesundheitssystem eine Kostenlawine zu, allein auf diesem begrenzten Feld der kardiologischen Therapie.
Wie zumindest zum Teil gegenzusteuern ist, eine solche gewiss bislang experimentelle Piste zeichnete Prof. Gielen auch auf. Ein Experiment an der Universität Leipzig mit Patienten, die an Angina pectoris litten, ergab interessante Befunde. Ein Teil der Patienten wurde chirurgisch behandelt bzw. die Engstellen in den Koronargefäßen wurden entfernt, ein anderer Teil praktizierte regelmäßig Sport. Letzere erwiesen sich mittel- und langfristig als belastbarer, eine deutliche Verbesserung der Durchblutung der Gefäße wurde festgestellt, bei Ersteren war das nicht der Fall, eigentlich wurden hier nur die Symptome behandelt.
Sport scheint demnach bei verschiedenen Herz-Kreislauf-Krankheiten eine sowohl nützlichere wie auch kostengünstigere Alternative zu sein gegenüber den direkten Eingriffen am Herzen. Regelmäßige sportliche Aktivität – zu empfehlen ist eine Stunde am Tag – führt zudem als Vorbeugemaßnahme laut Statistik zu einer Reduktion von 40 Prozent der Sterblichkeit und zu einer im Vergleich zu den Nicht-Sportlern um sechs Jahre höheren Lebenserwartung. Eine andere Zahl, die in dieselbe Richtung zeigt: Zwölf Prozent aller Todesfälle seien direkte Folgen von Bewegungsmangel. Es gibt also so manche Argumente, die für sportliche Aktivität sprechen als Form der Therapie wie auch präventiv, nur, im Bewusstsein so mancher Zeitgenossen ist diese Erkenntnis noch nicht angekommen. Umso wichtiger sind Aufklärung und Konferenzen wie die am Samstag der Luxemburger Vereinigung der Herzsportgruppen.
Drei Luxemburger Musketiere
Vor dem Vortrag von Prof. Gielen hatten Dr. Jean Beissel, Präsident der Luxemburger Vereinigung der Kardiologie, und Dr. Charles Delagardelle, die zusammen mit Dr. Camille Pesch als die drei Musketiere beim Aufbau der Herzsportgruppen in Luxemburg vorgestellt wurden, die Aktivitäten und deren Entwicklung präsentiert. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass schon 1983 negative Erfahrungen, die Dr. Beissel in Nancy machte (Patienten bekamen absolute Ruhe verordnet) sowie positive Erkenntnisse von Dr. Delagardelle in Bad Krozingen (Sport wurde in die Therapie mit eingebaut) zum Aufbau eines Luxemburger Modells beigetragen haben.
Mittlerweile hat man dezentralisiert. Seit 1991 funktionieren unter der Leitung von Dr. Romain Niclou Herzsportgruppen in Esch/Alzette und seit 2002 unter Dr. Christiane Hansen auch in Ettelbrück.
(VON PIERRE GRICIUS-FOTOS:GUY JALLAY)