Die Ausgrabungen im Ban de Gasperich sind abgeschlossen. Spektakuläre Funde, etwa in Form einer römischen Villa, kamen dabei nicht zu Tage. Doch aus wissenschaftlicher Sicht sind die Ausgrabungen durchaus von Interesse. Die Überreste aus der Zeit der Belagerung Luxemburgs „sind in der heutigen Archäologie schon ein kleiner Scoop“, sagt der Archäologe Robert Wagner vom Nationalmuseum für Geschichte und Kunst (MNHA). Vor Ort erhaltenswert ist derweil keiner der Funde. Die Bebauung des Ban de Gasperich könnte Ende 2011 beginnen.
Die Gesellschaft „Grossfeld PAP“, Promotor der Bauprojekte im Ban de Gasperich, übernahm über einen Monat lang die Kosten für die Ausgrabungen, die Anfang März begonnen hatten. Kulturministerin Octavie Modert bezeichnete die Zusammenarbeit der Gesellschaft mit dem Ministerium als exemplarisch: „Je früher wir von einem Bauvorhaben in Kenntnis gesetzt werden, desto eher können wir Ausgrabungen vornehmen, und die Baustelle wird nicht behindert.“
Die Bebauung des Ban de Gasperich könnte Ende 2011 beginnen. „Wir sind jetzt im Stadium der Baugenehmigungen“, so ein Vertreter der Gesellschaft „Grossfeld PAP“. Das Gesetz für den Bau der neuen Straßen wurde im November 2010 verabschiedet und alle PAPs wurden vom Gemeinderat genehmigt – für den Auchan, das Hotel, die europäische Akademie von PriceWaterhouseCoopers und die weiteren Gebäude, die im Ban de Gasperich entstehen sollen.
Bei den Probegrabungen im Oktober und November 2010 stellte sich heraus, dass nur sechs von 75 Hektar im Ban de Gasperich für die Archäologen von Interesse waren. Diese wurden untersucht – mit Erfolg: „Wir haben neue Erkenntnisse gewonnen“, so Octavie Modert.
Aus der Bronzezeit wurden auf einem Areal von 35 Ar zehn Gruben und 20 Pfostenlöcher gefunden. Sie enthielten Hunderte Tonscherben, Mahlsteine und einige Silex-Steine. Möglicherweise wurde dort Lehm für die Herstellung von Behältern gewonnen und eine größere Grube könnte die Ziterne einer kleinen Behausung gewesen sein – keine sehr spektakulären Funde, doch schließlich „betreiben wir keine Schatzjagd, sondern versuchen, die Lebensbedingungen unserer Vorfahren zu verstehen“, wie Archäologe Foni Le Brun-Ricalens betont.
Weiter nördlich wurden auf 50 Ar Spuren aus der Römerzeit gefunden. Dazu gehören bis zu 80 Meter lange Gräben, von denen sieben parallel verlaufen und zu einem Bewässerungssystem gehört haben könnten. Neben etwa 50 Pfostenlöchern, von denen zwei Holzreste enthielten, wurde ein 2,50 Meter tiefer Brunnen gefunden. Hinzu kamen viele Scherben, einige aus dem Mittelalter, die meisten aber aus römischer Zeit. Die Archäologen vermuten, dass sich hier im 3. Jahrhundert ein Bauernhof befand.
Am interessantesten jedoch sind die Funde aus dem 17. Jahrhundert. „Wir können diese sehr präzise datieren – auf den Monat genau“, so der Archäologe Robert Wagner. Sie stammen aus der Zeit der Belagerung der Festung Luxemburg durch die Truppen von Louis XIV. Diese begann am 29. April 1684. Fast genau 327 Jahre später stießen die MNHA-Mitarbeiter auf seltene Funde, die Aufschluss über das Leben der Soldaten und die Belagerung geben. Dazu gehören neun Feuerstellen des „Bataillon d'Auvergne“ bei der heutigen Citroën-Garage und zwei weitere Feuerstellen, vor allem aber neun große Küchenbatterien (mit einer Fläche von 3,30 mal 5 Meter) des „Bataillon des Lyonnais“ mit je neun Feuerstellen. Diese Funde seien einzigartig auf der Welt, so Robert Wagner, der nie um eine Anekdote verlegen ist: „Ich kann Ihnen ein Originalrezept von Vauban geben – es handelt sich um Weizensuppe.“ Vauban habe dieses Rezept verteilen lassen, da die Soldaten mit der Qualität des Essens unzufrieden waren. In jede Einbuchtung wurden zwei Töpfe gestellt, die jeweils Suppe für acht Soldaten enthielten. Die Küchenbatterien befanden sich zwischen den Zelten der einfachen Soldaten und den Zelten der Offiziere.
Die Soldaten mussten aber nicht nur ihre Zelte errichten, sondern auch eine 21 Kilometer lange und 1,80 Meter tiefe „Ligne de circonvallation“ einrichten. Diese Kombination aus Graben und Wall wurde vom 29. April bis zum 7. Mai 1648 von etwa 10 500 Personen – den Soldaten, aber auch Bauern – rund um die Hauptstadt gezogen. An der Rue Raiffeisen stießen die Archäologen auf Überreste dieser Verteidigungslinie. Während die „Ligne de contrevallation“ Richtung Festung gerichtet war, war die „Ligne de circonvallation“ in Richtung der heutigen Autobahn gerichtet – denn die Franzosen rechneten damit, dass die belagerten Spanier Hilfe von außen erhalten könnten. Dazu kam es allerdings nicht: Nachdem die Kampfhandlungen am 8. Mai begonnen hatten, kapitulierten die Spanier am 3. Juni. Von den rund 21 000 französischen Soldaten wurden laut Vauban rund 1 600 getötet und 950 verletzt.
Die Datierung der Feuerstellen ermöglicht nicht nur aufgefundene Pfeifenköpfe mit der „Fleur de Lys“, sondern auch französische Münzen, Bleikugeln, eine Kanonenkugel und Fragmente von Handgranaten.
Von Raphael Zwank
Fotos Serge Waldbillig & MNHA